Samstag, 22. Oktober 2011

Ein Halbjahresbericht nach neun Monaten


Als sich mein Urlaub im Mai dem Ende zuneigte und es an der Zeit war nach Kalkeri
zurückzukehren, versetzte mich diese Vorstellung nicht etwa in schlechte Stimmung,
sondern erfüllte mich nach der abenteuerlichen Abwechslung der vergangenen fünf
Wochen mit Vorfreude auf mein ruhiges und gewohntes Umfeld hier. Ich hatte
erstmals das Gefühl nach Hause zu kommen.
Ähnliche Momente habe ich in den folgenden Monaten immer wieder erlebt.
Momente der Bestätigung, in denen es sich einfach so unglaublich richtig anfühlt,
hier zu sein.
Als Englischlehrer der sechsten und siebten Klasse - meine Haupttätigkeit der
vergangenen vier Monate habe ich immer wieder ernüchtert feststellen und
hinnehmen müssen, dass eigene Vorhaben und Erwartungen oftmals nicht der
Realität entsprachen und mir nichts anderes übrig blieb,als mich daraufhin schon
bald mit geringen Fortschritten zufriedenzugeben.
Dass ich in der Anfangszeit bereits erste Lehrerfahrung mit der achten Klasse
sammeln konnte, machte es etwas einfacher. Schließlich konnte ich ja mehr oder
weniger einschätzen, was auf mich zukam und wurde nicht erneut ins kalte Wasser
geworfen. Trotzdem habe ich natürlich einige Zeit benötigt, meine neuen Schüler
besser kennenzulernen und auch einschätzen zu können.
Seitdem ich hier bin, versuche ich den Kindern zu vermitteln, dass die Aufgabe eines
Lehrers nicht darin besteht, den Schülern alle Antworten auf dem Silbertablett zu
servieren damit diese sie auswendig lernen und später ohne Reflektion und
Lerneffekt stumpfsinnig wiedergeben können, sondern ihnen Denkanstöße zu geben
und sie zu motivieren, ihre eigenen grauen Zellen zu nutzen um Fragestellungen zu
lösen.
Die Schüler von gestern, also die Lehrer von heute, haben diese Lehr- und
Lernmethoden, ebenso wie Generationen zuvor, von Grund auf vermittelt und
anerzogen bekommen und geben sie nun ihrerseits weiter. Kombiniert mit der
hierarchiefokussierten indischen Kultur ist daraus ein Bildungssystem entstanden, in
dem nichts hinterfragt und alles als beinahe gottgegeben angesehen und
übernommen wird. Weder der Lehrer noch der Schüler als Individuum tragen für
mich die Hauptschuld an dieser Misere, sondern das System in dem sie sich
befinden.
Dass ich diese Meinung habe, ändert aber nichts daran, dass die Zeit als indischer
Lehrer mich einiges gelehrt hat und ich sehr froh über diese Erfahrung bin. Eine
Unterrichtsstunde so zu gestalten, dass sie für die Schüler interessant und spannend
ist, verlangt Übung, Vorbereitung und eine große Prise Empathie. Oftmals kreisten
meine Gedanken um Fragen wie "Gestalte ich den Unterricht sinnvoll und
interessant?" oder "Bringe ich den Stoff so rüber, dass meine Schüler es begreifen?",
über denen ich nicht selten auch die eigene Kompetenz in Frage stellte und Zweifel
an mir nagten. Es ist ein Schmaler Grat, auf dem es gilt die richtige Mixtur zu finden
um Spannung, Interesse, Freude und Aufmerksamkeit bei den Schülern zu wecken,
jeden Tag aufs Neue. So habe ich bereits etwas beschähmt an die eigenen
Ansprüche und z.T. verständnislosen Kommentare Lehrern gegenüber zurückdenken
müssen.
Die früher oder später einsetzende Routine lässt Tage und Wochen irgendwann nur
noch so vorbeifliegen. Es ereignet sich nicht mehr so viel Neues wie noch zu Beginn
und ehe ichs mich versehe geht die Sonne schon wieder unter. Manchmal habe ich
das Gefühl, eigentlich nur meine Aufgaben erfüllt und zwischendurch mal was
gegessen zu haben und wundere mich wo die ganze Zeit geblieben ist, Wahnsinn.
 
Die indische Reisdiät und damit einhergehende Einschränkungen bei der
Nährstoffaufnahme haben mich erstmalig dazu motiviert mir Gedanken über eine
bewusste Ernährung zu machen. Eine gute Vorbereitung also für die Studienzeit,
wenn nicht mehr Mutti all die gesunden Lebensmittel einkauft und auf eine halbwegs
ausgewogene Ernährung achtet. Ich habe sogar meine recht limitierten Kochküste
um einige Facetten bereichern können. Just do it Masala.
 
Ebenso wie die okzidentale Leitung der Schule (Quebec, England, Frankreich,
Deutschland) sehe ich die Volunteersgemeinschaft in Kalkeri als ein großes Plus.
Besonders neue Freiwillige müssen so nicht sofort von 0 auf 100 umschalten und
können sich bei kulturellen Unsicherheiten oder Problemen an erfahrenere
Mitfreiwillige wenden. Die indischen Mitarbeiter sind Arbeit und Zusammenleben mit
Westlern und deren Kultur mittlerweile gewohnt, sodass auch die Kommunikation
innerhalb der Schule im Regelfall ohne Probleme funktioniert.
Für mich ist der einzige negative Effekt dieser komfortablen Umstände, dass sie dazu
verleiten, die freie Zeit nach der Arbeit eher untereinander als mit den Kindern zu
verbringen. Das bedaure ich im Nachhinein sehr und möchte die mir verbliebene Zeit
nutzen, dies nachzuholen und mehr Zeit "privat" mit unseren Schülern zu verbringen.
Im Juni habe ich endlich begonnen mich gewissenhafter mit meinem bereits
eingestaubten Teach yourself Hindi Buch auseinanderzusetzen.
Da in meinem Umfeld nahezu ausschließlich Kannada und Englisch gesprochen
werden, gehen die Fortschritte leider nicht ganz so schnell voran wie ich mir das
manchmal wünsche. Lesen und schreiben kann ich - wenn auch langsam - schon
ganz gut; um Gehör und Kommunikation zu schulen sitze ich neuerdings im
Unterricht der sechsten Klasse, sofern es mein Arbeitsplan zulässt. Ich bin guter
Dinge, bis Ende des Jahres noch einiges dazuzulernen um bei meiner Rückkehr ein
wenig auf Hindi parlieren zu können. Stellt sich nurnoch die Frage mit wem...
 
Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich mir kaum vorstellen, all dies bald bereits hinter mir
zu lassen und in den deutschen Alltag zurückzukehren. Keine Kinder mehr, die mich
mit sinnlosen Fragen nerven. Kein Bus ohne Türen und verglaste Fenster mehr, in
dem es mich bei jedem Schlagloch dreißig Zentimeter aus meinem Sitz
hochschleudert. Keine Musik, die einen in aller Herrgottsfrühe bereits beschallt. Eine
Liste die ich wahrscheinlich endlos so fortführen könnte. Sooft sie mich auch auf die
Palme gebracht hat, ist die indische Kultur doch längst Teil von mir geworden. Ich
wackle mit dem Kopf um meine Zustimmung auszudrücken, springe todesmutig auf
den noch fahrenden Bus, um einen Sitzplatz zu ergattern, bin zu 99% auf Flip Flops
oder Barfuß unterwegs und wie sich Toilettenpapier anfühlt weiß ich schon lange
nicht mehr.

Freitag, 26. August 2011

Between Batting and Bowling - Vom kolonialen Überbleibsel zur nationalen Passion

 
In Mumbai wird auf den Dächern gespielt; In Varanasi an den Ufern des Ganges, zwischen Pilgern, Touristen und heiligen Kühen; in Darjeeling inmitten von Teeplantagen mit Blick auf den Katchentzonga. In Kalkutta spielt man in schmalen, von Müllbergen gesäumten Gassen, um der sengenden Hitze zu entgehen. Und selbst in Kalkeri vergeht kaum ein Tag, ohne dass der rote Ball aus Hartgummi die Luft über dem Playground schneidet.

Eingeführt von den verhassten Kolonialherren als ein Sport der Elite sollte man eigentlich meinen, Kricket sei den Indern von Grund auf zuwider. Auch dessen reguläre Vorraussetzungen scheinen mit indischen Verhältnissen so gar nicht übereinstimmen zu wollen: Erforderlich sind normalerweise ein ovales Spielfeld, größer als ein Fußballplatz, und die sündhaft teure Ausrüstung vom Helm bis zum Tiefschutz.
Umso wundersamer mutet die unbändige Leidenschaft an, die trotz jener Vorbehalte in den vergangenen Jahrzehnten für diesen Sport entbrannt ist. In welche Ecke Indiens es einen auch verschlagen mag, es fällt schwer sich ihm gänzlich zu entziehen.


Batting in einem Park in Mumbai
                                                                                        

Denn wo dem Inder die Mittel fehlen, da improvisiert er eben: Ob mit einem professionellen Spielgerät, einem Tennisball, oder der do it yourself Variante aus zusammengepresstem Müll und anderen Fundstücken; Solange man ihn auf das Zielobjekt, genannt wicket, schleudern kann, ist jeder Gegenstand willkommen.

Spätestens jetzt sollte ich wohl die Spielregeln erklären. Keine leichte Aufgabe (denjenigen, die noch immer ihre liebe Müh und Not mit dem Verstehen der Abseitsregel haben, empfehle ich, den folgenden Absatz getrost zu überspringen und unter dem nächsten Foto weiterzulesen).
Tatsächlich sind beim Cricket gewisse Ähnlichkeiten mit Brennball und Baseball unverkennbar. Mitten auf dem Platz stehen zwei knapp 20 Meter voneinander entfernte Hölzer (wickets). Die zwei Mannschaften zu je elf Spielern wechseln sich mit Werfen (bowling) und Schlagen (batting) ab. Jeweils zwei Spieler der battenden Mannchaft stehen an diesen Hölzern - der eine versucht, mit einem Schläger (bat) den ihm zugeworfenen Ball so im Feld zu platzieren, dass er mit seinem Partner die Positionen wechseln kann, ehe die gegnerische Mannchaft den Ball zu den Hölzern zurückwirft. Dies bringt einen Punkt (run) ein. Er kann den Ball über die äußere Markierung schlagen und, ohne zu laufen, gleich vier (wenn der Ball vorher aufditscht) oder sechs Punkte (wenn er drüber fliegt) erzielen. Die werfende Mannchaft, die sich vollzählig auf dem Feld verteilt hat, versucht den Ball so schnell wie möglich wieder zu den Hölzern zurückzuwerfen. Werden diese berührt, bevor der laufende Batsman sie erreicht, scheidet er aus. Ebenso, wenn der von ihm geschlagene Ball gefangen wird oder wenn der Bowler die Hölzer direkt trifft. Wird einem Batsman vom Schiedsrichter (umpire) 'Aus' erteilt, muss er vom Feld. Er wird von nächsten Mannschaftskameraden ersetzt, bis alle elf an der Reihe waren und der Durchgang (innings) zu Ende geht. Nun muss die bislang werfende und im Feld stehende (fielding) Mannschaft versuchen, mehr Runs zu erzielen als der Gegner zuvor. Um zu verhindern, dass der Batsman die Hölzer nicht stets mit seinen Beinen vor gegnerischen Treffern schützt, gibt es ein kurioses Detail, das zudem für die meiste Aufregung sorgt. Diese Zusatzregel nennt sich 'lbw' (leg before wicket) und darf von der werfenden Mannschaft per Reklamation (appeal) vorgetragen werden. Wo bis vor einigen Jahren noch der Unparteiische - bedrängt von aufgebrachten und wild gestikulierenden Spielern und einem grölenden Publikum die Flugkurve des roten Geschosses möglichst gerecht beurteilen musste, nimmt ihm heutzutage der Videobeweis diese äußerst heikle und spielbestimmende Entscheidung ab.
Ein Testmatch erstreckt sich über fünf Tage, von der Frühe bis kurz vor Sonnenuntergang, unterbrochen nur von einer Stunde Mittagspause und 20 Minuten Teatime. Zu allem Überfluss endet der fünftägige Spaß oftmals in einem Unentschieden! Doch entgegen dem internationalen Trend herrscht in Indien ein kolossaler Cricketboom.


Auch Cricket kann dynamisch: India vs. Sri Lanka

Ich weiß, an dieser Stelle mögen wahrscheinlich die meisten ungläubig den Kopf schütteln und sich fragen, warum um Himmels Willen der Traum eines jeden indischen Jungen ausgerechnet darin besteht, Cricketstar zu werden. In der Hoffnung euch ein wenig verständlicher machen zu können welche Bedeutung Cricket für die meisten Inder hat, möchte ich eine kleine Anekdote erzählen:
Im Zug von Dharwad nach Hyderabad teilte ich mein Abteil mit einer Gruppe indischer Studenten. Wie für junge Männer nicht ungewöhnlich, kamen wir irgendwann auch auf das Thema Sport zu sprechen. Der offizielle Nationalsport Indiens sei Hockey, ließ ich mir erklären, doch der Erfolg in dieser Sparte bleibe leider seit geraumer Zeit aus. Auf meine Frage, was für einen Stellenwert denn Cricket genieße, bekam ich die Antwort: "Cricket, that's almost a religion!" Cricket ist also so etwas, was man auf Neudeutsch als "Nationalsport der Herzen" bezeichnen würde. Mit dieser Erkenntnis lässt sich die leidenschaftliche Hingabe einer gesamten Nation für jenen Sport, in dem manchmal stundenlang nicht mehr zu passieren scheint als das gegenseitige Belauern von Bowler und Batsman, vielleicht ein wenig besser nachvollziehen.

Wie in Indien erfreut sich Cricket auch in vielen anderen Ländern des Commonwealth größter Beliebtheit. Längst werden Milliarden von Dollars mit der populärsten Sportart auf dem Subkontinent umgesetzt. Allein der Wert von Indiens Eliteliga wird von Analysten auf umgerechnet rund 3,2 Milliarden Euro taxiert.
Ob Global Player, der einen ganzen Verein sponsert, um die eigene Marke öffentlichkeitswirksam zu präsentieren oder Imbissbudenbesitzer der in einen kleinen Fernseher investiert, um mit der Live Übertragung neue Kundschaft anzulocken; jeder versucht irgendwie vom Hype zu profitieren. Cricket ist wie geschaffen fürs Fernsehen. Man deckt mit vergleichsweise geringen Kosten das Programm eines kompletten Tages ab und lässt alle fünf Minuten die neuesten Werbespots über den Bildschirm flimmern. Abends kann man in einer Zusammenfassung die besten Szenen dann ein zweites Mal zeigen.
Doch leider lockt das viele Geld auch allerlei zwielichte Gestalten an, die außschließlich daran interessiert sind, sich durch kriminelle Machenschaften auf Kosten des Sports zu bereichern. Bereits um die Jahrtausendwende erschütterte ein handfester Wettskandal die sich ihrer Gentleman-Tugenden rühmende Sportart in ihren Grundfesten. Die sogenannte Cronje-Affäre bedeutete einen herben Imageverlust und führte zu einer Reihe Untersuchungen und Entlarvungen.

Im vergangenen Jahr kam es zu erneut Manipulationsvorwürfen. Scotland Yard leitete die Ermittlungen gegenüber drei Spielern der pakistanischen Nationalmannschaft und deckte in deren Verlauf weitere Fälle von Bestechung auf. 
"Nichts mehr ist echt. Nichts. Kricket ist ein Glücksspiel, das die Mafia kontrolliert", schimpfte Pakistans Kricketidol Sarfaraz Nawaz im Jahr 2007. Er sollte Recht behalten.

Seit 1975 wird alle vier Jahre ein Weltmeister im verkürzten One-Day Modus (One Day International) gekürt. Wie es der Zufall so wollte wurde der Cricket World Cup 2011 ausgerechnet in Indien, Sri Lanka und Bangladesch vor einem begeisterten Publikum ausgetragen. Und ich mittendrin! Vom 19. Februar bis 2. April befand sich das gesamte Land im absoluten Ausnahmezustand; Cricket dominierte jede Zeitung, jedes Gespräch. Mantesh, einer unserer älteren Schüler, war wochenlang nicht mehr ohne sein Kofferradio anzutreffen, um auch bloß kein noch so kleines Detail zu verpassen.
Für alle Kritiker, die schon immer gepredigt haben Cricket befinde sich auf der Spannungsskala in Schlagdistanz zu Marathonlauf und Schach, lieferte der Südafrikaner Mornè van Wyk alias 'The Hammer' den endgültigen Beweis: Im Vorrundenspiel gegen Indien döste er mitten auf dem Spielfeld weg und verblüffte Mitspieler, Zuschauer und Kommentatoren gleichermaßen mit einer katastrophalen Leistung. In gänzlich ungewohnter Manier ließ The Hammer zwei bereits gefangene Bälle wieder fallen und konnte auch als Batsman lediglich fünf lächerliche Runs erzielen bevor ihn das Aus ereilte. Wie sich später herausstellte, hatte van Wyk nicht etwa mit den Folgen einer durchzechten Nacht zu kämpfen, sondern sich vor dem Spiel wohl in seiner Reiseapotheke vergriffen: Statt der üblichen Vitaminpille erwischte er eine Schlaftablette, mit deren Wirkung er die folgenden sechs Stunden zu kämpfen hatte. Südafrika schaffte es auf wundersame Weise sich trotz dieser Slapstickeinlage als Gruppensieger für das Viertelfinale zu qualifizieren, nur um dort an Neuseeland zu scheitern - sogar mit einem ausgeschlafenen Mornè van Wyk.
Die indische Nationalmannschaft bowlte unterdessen nach standesgemäßem Überstehen der Gruppenphase zunächst den schwächelnden Serienweltmeister Australien recht souverän aus dem Turnier. Somit sollte es im Halbfinale tatsächlich zum Showdown mit den verhassten Nachbarn aus Pakistan kommen. Dieses Prestigeduell ist für beide Länder auch aufgrund der heiklen politischen Situation schon immer eine Angelegenheit von höchster Bedeutung. Es wird nicht überraschen, dass Indien trotz der ersten politischen Annäherung beider Parteien seit den Anschlägen in Mumbai 2008 nur wenige Tage zuvor, einem Pulverfass glich: Die Stimmung kochte vor dem heimlichen Höhepunkt dieser Weltmeisterschaft und mehrere hundert Millionen fieberten ungeduldig dem Anpfiff entgegen. In der Schule drängte man sich beim Public Viewing vor unserem 20 Zoll großen Fernseher, die Stimmung war sagenhaft. Spätestens jetzt befanden uns auch wir als ausgewiesene Cricketmuffel bekannte Freiwillige im Bann des roten Balls und fieberten, angesteckt von der unglaublichen Euphorie, Stunde um Stunde vor dem Bildschirm mit.
Die beiden Mannschaften lieferten sich einen Krimi, der die Erwartungen noch um ein Vielfaches übertraf und an Spannung und Dramatik kaum zu überbieten war. Am Ende eines hart umkämpften Matches durften die mit 260:231 überlegenen Gastgeber ausgelassen den Finaleinzug feiern, während unglückliche Pakistanis ihre Titelträume begraben mussten und in ein Tal der Tränen stürzten.
Im Finale wartete der kleine Bruder aus Sri Lanka. Auf dem Papier noch ausgeglichen, zeigte sich im Laufe des Finales, dass die aufopferungsvoll kämpfende Mannschaft Sri Lankas einem - nach dem Sieg gegen den Erzrivalen - entfesselt aufspielenden Indien an diesem Tag nicht das Wasser würde reichen können. Als dem Team der Titel rechnerisch nicht mehr zu entreißen war, brachen alle Dämme. Ganz Indien versank in einem Meer aus Glückseligkeit und ließ seine Helden unter frenetischem Jubel hochleben. "Eine Milliarde träume werden wahr" titelte die 'Hindustani Times'.

Während der Gewinn des WM-Titels im eigenen Land den wohl größten sportlichen Erfolg in der indischen Geschichte bedeutet und die Jubelarien noch lange Zeit nachklingen werden, hat sich mein Interesse für Cricket nach dem weltmeisterlichen Ausnahmezustand rasch wieder gelegt und wieder dem eines gewöhnlichen Europäers angepasst. Denn, Hand aufs Herz liebe Inder, wirklich mitreißend ist auf Dauer eben doch etwas anderes.

Rahul mit bat auf unserem Playground


 

Sonntag, 12. Juni 2011

Reise, Reise - Part I

Gokarna - Goa - Mumbai

Nach drei Monaten in Kalkeri und Umgebung spürte ich das Bedürfnis, endlich weitere Facetten dieses Landes kennenlernen zu dürfen, immer dringender werden. Ich gierte geradezu nach der Befriedigung dieses Dranges. Dementsprechend groß war die Vorfreude auf den unmittelbar bevorstehenden „Jahresurlaub“. Die ersten beiden Wochen der „großen Ferien“ hatten wir bereits in einer nahezu leergefegten Schule verbracht und bei deutlich reduziertem Arbeitspensum schon mal die Vorbereitungsphase eingeleitet: den sogenannten Entspannungsmodus.
Gesattelt und geschnürt begaben Fabian und ich uns am 15. April auf die Reise. Der etwas holprige Start (wir verpassten den Dorfbus in Kalkeri – zum ersten Mal überhaupt übrigens) sollte uns nicht aus der Bahn werfen: Ohne zu zögern, stürzten wir uns vor die nächste Motorhaube und siehe da, so legten wir das erste Teilstück, bis nach Dharwad, per Anhalter zurück.
Um unsere Tour entspannt angehen zu lassen, war die Wahl für die erste Station einstimmig auf Gokarna gefallen, eine Oase für zur Versackung neigende Touristen. Das Goa Karnatakas, nur ohne dessen berühmtberüchtigte Trancepartys.
Die von Palmen und Bambushütten gesäumten drei Strände Om, Half-Moon und Paradise Beach vermitteln das Gefühl, sich auf den Spuren Robinson Crusoes zu befinden und die mittelmäßigen Küchen der mittelmäßigen Gasthäuser versorgen die vornehmlich westlichen Touristen zuverlässig mit typischem Tourifastfood wie Pfannkuchen, Burgern, Pommes, Milkshakes und ähnlichem, mittelmäßig zubereitet versteht sich. Der Hit der Saison 2011 war aber mit Sicherheit das Banana-Nutella Parrota, irgendwas zwischen Pfannkuchen und einer Art süßer Calzone. Komplettiert wird das Wohlfühlpaket Gokarna von Bier, Rum und natürlich Charras, erhältlich beim Kellner deines Vertrauens oder - für Exzentriker - beim sagenumwobenen „Ganjamann“, der in den Wäldern zwischen den Stränden haust.
Ein gokarnischer Tag beginnt zwischen 10 und 12 Uhr. Mühsam und mit noch halb geschlossenen Augen (ob der grellen Mittagssonne) schaffe ich es, mich aus unserem Verschlag zu schälen und in Richtung Restauranterrasse zu bewegen. Ein ordentliches Frühstück aus wahlweise Omelette, Müsli, Porridge, Obstsalat, Sandwich oder allem zusammen gibt erst einmal Kraft. Aber dann werde ich schon wieder müde…zu voll ist der Magen. Man widmet sich den nächsten zwei Seiten seines Buchs oder döst vor sich hin. Nur nichts überstürzen. Wenn die Verdauung stattgefunden hat ist es Zeit fürs Meer. Von der schattigen Terrasse aus werden mit professionellem Blick die Wellen gemustert. Es muss sich schließlich lohnen aufzustehen. Nach dem erfrischenden Bad bin ich auf dem Höhepunkt meiner Tagesform angelangt. Auf geht’s ins nächste Restaurant, ein kühles Bier naschen. Im Zweifelsfall trifft man dort Gleichgesinnte und versackt bei konstantem Bestellen von Speis und Trank bis der Abend hereinbricht. Je nach Stimmung und Gusto kann man noch einmal das Restaurant wechseln, seiner salzverkrusteten Haut eine Dusche gönnen oder es bleiben lassen und einfach sitzen bleiben. Gegen Mitternacht lösen sich auch die internationalen Gesprächsrunden meist auf und es kehrt die nächtliche Stille ein an den Stränden von Gokarna.
Dieses Prozedere wiederholt sich in Anlehnung an Und täglich grüßt das Murmeltier mit maximal minimalen Abweichungen bis zum Tag der Abreise.
Ich bin der festen Überzeugung, dass all die Menschen, die dort seit mehreren Wochen oder Monaten mehr oder weniger vor sich hin vegetieren, bereits zu entspannt sind, um sich noch fortbewegen zu können.

Auf dem Weg nach Mumbai machten wir einen Boxenstopp in Panjim, der Hauptstad Goas. Dank Fabians weitreichenden Beziehungen verbrachten wir die Nacht in einem Luxusapartment auf dem sogenannten „Millionaires Hill“, einen Katzensprung von den Anwesen der Herren Kingfisher und Holiday Inn entfernt. Nach drei Monaten Basic Living genossen wir den dargebotenen Komfort in vollen Zügen und ließen es uns beim Schlemmen auf der Dachterrasse und Planschen im Pool gut gehen. Es wird wohl jeder verstehen, dass uns der Abschied am nächsten Abend nicht ganz leicht fiel. Aaaber, unsere kostbare Zeit in Mumbai war ohnehin durch die gebuchten Flüge nach Kalkutta bereits reichlich limitiert. Wir sollten den Aufbruch nicht bereuen.

Unverhofft kommt ja bekanntermaßen öfter als man denkt. Und so ergab es sich, dass ein verzweifelter Last-Minute Request bei Couchsurfing tatsächlich Früchte trug und uns zu einem gewissen Kunal Mithril führte - meinem ersten Gastgeber überhaupt und dem wahrscheinlich modernsten Inder, mit dem ich bis dahin zu tun hatte (philosophisch angehaucht, haufenweise Bücher in seiner Wohnung und dazu noch eine deutsche Freundin in Berlin). Kunal hat sich sensationell um uns gekümmert, ohne dabei in irgendeiner Art und Weise aufdringlich zu sein oder uns das Gefühl zu geben, zwanghaft etwas mit ihm unternehmen zu müssen.
Eine sagenhafte Erfindung dieses Netztwerk, ich bin vollends begeistert!
Ich habe eigentlich nur die Stadtteile Colaba und Churchgate gesehen. Ein bisschen Gateway of India, ein bisschen Taj Mahal und Leopold’s. Umherschlendern, das Treiben und die bunte Vielfalt genießen und tun,wonach einem in diesem Moment der Sinn steht.
Um sich kein verzerrtes Urteil über Mumbai zu bilden, muss man länger als einige Tage dort gewesen sein. Dieser pulsierende Melting Pot ist kulturell und religiös zu vielschichtig und viel zu gigantisch, als dass der gemeine Tourist mehr als nur an der Oberfläche kratzen könnte.
Der wahre interkulturelle Austausch dieser drei Tage in Mumbai hat in Kunals Apartment stattgefunden. Zwischen Menschen, die für kurze Zeit ihr Leben miteinander geteilt haben.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Dreimonatsbericht


Drei Monate - 90 Tage bin ich nun schon auf dem Subkontinent. Oder sollte ich doch lieber sagen "erst"?! Es ist gerade diese für Indien charakteristische Ambivalenz, die das Land oftmals so chaotisch und unverständlich erscheinen lässt.
Einerseits sind drei Monate keine Ewigkeit und ich fühle mich für meinen Geschmack immer noch viel zu oft wie ein Fremdkörper, andererseits steckt in derselben Zeit bereits ein ganzes Universum aus Gefühlen, Erfahrungen, Eindrücken und Gedanken, unmöglich dies zu reduzieren auf eine triviale Zahl.
Ähnlich kurios verhält es sich mit meiner Stimmung und deren sprunghaften Schwankungen. Von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt ist alles vertreten, manchmal sogar binnen weniger Stunden. Da ich etwas derartiges nie zuvor erlebt hatte, war und bin ich immer wieder verwirrt über diese abrupten Wechselbäder der Gefühle.

Schule ist aus, es ruft der Dienst für das Vaterland. Klappe die letzte übrigens, war diese Idee eigentlich Ihre eigene Herr von und zu Guttenberg?
Sechs Monate lang Betten schieben in deutschen Krankenhäusern oder alten Menschen den Ar..llerwertesten abwischen?! Vor geraumer Zeit hatte ich bereits entschieden, dass der Ziviersatz im Ausland wohl eher mein Fall war. Dort helfen wo es wirklich gebraucht wird, etwas weitergeben von der genossenen Bildung und dabei noch den eigenen Horizont um ein vielfaches erweitern. Diese vermeintlich perfekte Mischung aus Altruismus, Weltoffenheit und Bewusstsein sollte es sein.
"Wow du gehst für ein Jahr nach Indien? Das ist ja mutig, Respekt!" Sätze wie diese habe ich meist etwas geschmeichelt aber beschwichtigend abgetan. So besonders sei das doch gar nicht. Mit einem Auslandsjahr in Argentinien im Rücken fühlte ich mich für das Projekt Indien jedenfalls absolut ausreichend gewappnet. Angst vor dem Kulturschock?! Kannte ich doch alles schon, ist halt nur ein anderes Land.
Meine Einstellung dazu hat sich mittlerweile geändert und manchmal ertappe ich mich selbst bei der Frage, ob ich es mir mit einer Bewerbung für ein Land mit einer Kultur, die nicht 180 Grad von der unsrigen abweicht, nicht etwas leichter hätte machen können. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, aber das wäre dann ja auch nur halb so spannend gewesen, oder?!

Aber kurz zu meinem Projekt und meiner Tätigkeit: Ich bin im Dorf Kalkeri in der Nähe der Stadt Dharwad in einer Musikschule für klassische indische Musik. In den ersten drei Monaten hatte ich sowohl Lehr- als auch aus Betreuerfunktionen inne. Mein Arbeitstag bestand primär aus einer Unterrichtseinheit Englisch mit meiner 8. Klasse, deren Vorbereitung, der Betreuung der kleineren Jungen zur Hausaufgabenzeit, während des Duschens und vor dem Zubettgehen. Nebenbei standen täglich eine Nachhilfestunde, eine Lesestunde, eine Schönschreibestunde und das Einsammeln und Sortieren der Hausaufgaben aller Kinder auf meiner Agenda.
Da Kalkeri Sangeet Vidyalaya (KSV) ein Internat ist, erstrecken sich diese Aufgaben über den ganzen Tag, gearbeitet wird sechs Tage die Woche. Dieses fehlende Wochenende hat mir besonders zu Beginn sehr zu schaffen gemacht, da es die Freizeit- und Reiseaktivitäten doch merklich einschränkt. Vor Allem wenn man von den Arbeitszeiten anderer Freiwilliger hört, die teilweise deutlich mehr Freiraum lassen. Dennoch bin ich zu dem Entschluss gekommen, das Gefühl zu haben, in seinem Projekt gebraucht zu werden und mit seiner Arbeit etwas zu bewirken, ist es eindeutig Wert, einige Abstriche dafür in Kauf zu nehmen.

KSV liegt beinahe soweit ab vom Schuss, wie nur irgend möglich. Das angrenzende Eintausenseelennest Kalkeri ist eine gute Stunde von der mittelgroßen Stadt Dharwad entfernt. Und selbst dort ist ein Mensch weißer Hautfarbe nur anzutreffen, wenn er entweder zu KSV gehört, oder aber sich gewaltig verirrt hat. Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit ist unsereinem also gewiss.
Ein wenig westliches Flair kann man sich zwar im "Feinkostladen" Dharwads in Form von Nutella, Pringles oder Kinderschokolade erkaufen, auf das gewohnte Essen aus der Heimat ist man allerdings gezwungen zu verzichten. Auch wenn gerade dieser Verzicht eine der Konsequenzen für die Gründe ist, aus denen man hier ist - nämlich weil man Neues, Anderes erleben, fühlen und schmecken möchte - so fühlt sich all das gelebt noch einmal ganz anders an als in der edlen Vorstellung und man vermisst den gewohnten Komfort eben doch schneller, als einem das vielleicht lieb ist.
Wer nun aber meint, diese Abgeschiedenheit bürge ausschließlich Nachteile, der ist mit Sicherheit auf dem Holzweg. Die auswärtige Lage des Projekts garantiert Ruhe vor Lärm, Verschmutzung und Gedränge der Stadt. Feiertage wie Holi (Fest der Farben) und den Gewinn des Cricket World Cup haben wir zusammen in der Schulgemeinschaft zelebrieren können. Und die Chance, solch einen vertieften Einblick in das traditionelle indische Leben zu bekommen, haben wahrscheinlich die Wenigsten.

Es ist bekannt, aller Anfang ist schwer. So waren auch diese ersten drei Monate nicht immer leicht für mich, dennoch kann ich guten Gewissens behaupten, mein Möglichstes zu geben, um im Mysterium Indien mehr und mehr Fuß zu fassen. Ich freue mich, hier zu sein und diese Herausforderung angetreten zu haben.

Dienstag, 22. März 2011

No. I

Gut Ding will Weile haben. Zumindest für meine erste richtige Kundgebung vom Subkontinent sollte dieser Satz zur Maxime werden.
Nach mittlerweile/nunmehr zwei Monaten in Indien und besonders in Kalkeri Sangeet Vidyalaya (KSV) ist es mir erst ansatzweise möglich, das bisher Erlebte einzuordnen und meine Tätigkeiten etwas differenzierter zu beschreiben und zu beurteilen.

"Our location is very rural and we live in a traditional manner so volunteers should be prepared to leave behind some of their home comforts that they may be used to. (...) We try very hard to develop the project with the least disturbance to the environment. The majority of our buildings are traditionally made using locally sourced materials."

Ich habe wirklich lange gegrübelt, aber besser und prägnanter als in der Projektbeschreibung von KSV kann man wirklich nicht versuchen zu vermitteln, was einen hier erwartet. So gut das Schwarz auf Weiß eben überhaupt möglich ist. Denn - soweit meine Überzeugung - es gibt absolut keine Möglichkeit sich so vorzubereiten, dass man sich, einmal angekommen, immernoch vorbereitet fühlt. Was wohl auch so ziemlich das Einzige von allgemeiner Gültigkeit sein dürfte im Land der Vielfalt.

Auf dem 12.000 m² Campus befinden sich sieben explizite Unterrichtshütten, die Küche, das Office, vier Hostels für die Schüler, das Volunteershouse sowie drei weitere Unterkünfte für Freiwillige und Gäste, eine große Allzweckhalle zum essen, unterrichten etc. ("Yogahall") und einige Unterkünfte für Arbeiter sowie das Haus der Gründerfamilie Fortier. Die besagten "locally sourced materials" aus denen die Häuser bestehen, sind Bambus, Erdmatsch und Gobar (Kuhdung). So bekommt man neben dem rustikalen Stil gleich noch den rustikalen Geruch mitgeliefert. Wir verfügen sogar über einen kleinen See. Der wird aber nur zum Waschen genutzt, Baden nicht empfohlen!

Wenn das Volunteershouse zwischen sieben und acht langsam aus seinen Träumen erwacht, herrscht in der Schule längst Hochbetrieb. Die morgendliche Übungszeit (music practice) beginnt um sechs, besonders ambitionierte Schüler klimpern sogar gelegentlich ab 4.30 Uhr auf wahlweise Sitar, Tabla, Flute oder Harmonium (+ Gesang). Es ist mit Sicherheit keine Überraschung, dass jenes frühmorgendliche ja beinahe nächtliche Gedudel, welches den Volunteers regelmäßig den wohlverdienten Schlaf raubt, schon des öfteren Zielscheibe wüster Verfluchungen wurde. Besonders dann, wenn es am Vorabend etwas später geworden ist... selbstverständlich dem Korrigieren von Hausaufgaben oder der Unterrichtsvorbereitung geschuldet. Aber was hilft all der Protest, Sangeet steht nunmal für Musik und nicht für Meditation.
Ein typischer Volunteerstag beginnt gegen acht Uhr mit Nashta (Frühstück). Kurz vorher schäle ich mich also aus meiner Matratze, welche nicht mehr auf einem Feldbett mit indischen Maßen liegt, sondern mittlerweile den Boden ziert. Mein Moskitonetz ist dank Doppelbettversion zum Glück lang genug um mich weiterhin vor gierigen Blutsaugern und anderem Getier zu schützen. Wenn mich zuweilen der Übermut packt, werden sogar noch Haar und Antlitz mit einem Spritzer Wasser benetzt, bevor es hinuntergeht in Richtung Küche, ist eher selten der Fall.
Upid, Aulaki, Palau, Idli, Noodles sind die Namen unserer fünf kulinarischen Willkommensheißer. Klingt wunderbar exotisch, weiß ich, man könnte aber auch schreiben: eine Art Kuskus, Reisflocken, gelber Reis, zusammengepresster Reis, eine Art Nudeln. Aulaki und Idli sind astrein, den Rest kann man weitesgehend vergessen. Selbstverständlich gibt es diese Gerichte einzeln und im Wechsel, nicht jeden Morgen die gesamte Auswahl. Sollte eine allzu große Abneigung bestehen, bleibt im äußersten Notfall noch der Blick in die private Vorratsbox, oftmals auf Bananen und Kekse. Von 8.30-11.30 Uhr steht Musikunterricht für die Kinder auf dem Programm. Diese Zeit wird von uns meist zur Unterrichtsvorbereitung oder für Förderunterricht (extra class) genutzt.


Eins muss klar sein, KSV allein ist nicht Indien und Indien ist nicht nur KSV. Da schätzungsweise 90-95% der Zeit auf dem Campus der Schule verbracht werden, bekommt man hier punktuell zweifelsohne einen unglaublich vertieften und konzentrierten Einblick in das indische Leben. Aber eben nahezu ausschließlich für diese eine spezifische Gemeinschaft, darüber hinaus eher wenig. Zwar steht jedem Freiwilligen pro Woche ein freier Tag zu, an dem wir uns bewegen können wo es uns beliebt. Jedoch erlaubt die Kürze dieses Zeitraums erlaubt nunmal keine großen Sprünge, sodass man über den Bereich Hubli/Dharwad im Regelfall nicht hinauskommt. Eine solche Ausnahme war unser Wochenendtrip Mitte Februar, als wir zu siebt His Holiness samt Lamamobil in einem tibetanischen Flüchtlingscamp 50 Km von hier auf einen Buttertee besucht haben. Die sechsstündigen Teachings waren zugegebenermaßen eine Tortur für mein zartes westliches Sitzfleisch, gelohnt hat sich dennoch jeder Moment.
Mit derzeit 15 Volunteers sind wir die größte Gruppe die es hier jemals gegeben hat und stellen für den verfügbaren Wohnraum definitiv auch die Maximalauslastung dar. Einerseits ist es klasse, wenn man beispielweise abends als Gruppe auf der gemeinsamen Terrasse zusammensitzen kann, andererseits muss man auch dazu bereit sein, seine Privatsphäre auf ein Minimum zu beschränken, hockt man quasi ohne "Lärmschutz" gezwungenermaßen dauernd aufeinander (im Volunteershouse sind fünf Zimmer die mit Bambus voneinander getrennt sind, sprich mit guten Ohren und in einer ruhigen Minute kann man den Nachbarn sogar atmen hören). Aufgrund der anhaltenden Überbelegung teile ich übrigens mein 10m² Zimmer weiterhin mit einem Kanadier, bis Mitte April die meisten Kanadier und Franzosen wieder abreisen. Da ich diese Erfahrung nun schon hinter mir habe, sollte ich für den rest meines Aufenthalts aus dem Schneider sein.

Seit Mitte Januar versuche ich also, die Englischkenntnisse der 14 Schüler meiner achten Klasse zu verbessern und sie bestmöglich auf das Examen am kommenden Montag vorzubereiten. Ich unterrichte neun Jungen und vier Mädchen im Alter von 13-14 Jahren. Dafür, dass ich ohne jegliche Lehrerfahrung von Beginn an allein unterrichtet habe, schlage ich mich auch ganz passabel denke ich. Ein wenig einengend bei der Unterrichtsgestaltung ist leider, dass für die Examen das staatlich vorgeschriebene Buch inhaltlich durchgearbeitet sein muss, dessen Texte minimal bis gar nicht auf den realen Leistungsstand der Schüler/Jahrgänge abgestimmt sind. Heißt im Endeffekt: Weil das Durcharbeiten der Lektüre schleppend vorangeht und so manches Gedicht Wort für Wort erklärt werden muss, bleibt kaum Zeit um (z.T. elementare) Grammatik zu behandeln, welche einige der Kinder dringend benötigten. Aber kein Grund zur Besorgnis, das indische Gesetz hat die Lösung längst parat: Stufe wiederholen? Lass stecken, egal wie schlecht ein Examen ausfällt. Lediglich in der 10. Klasse, der letzten vor dem College, müssen grandiose 35% erreicht werden um zu bestehen.
Für mich persönlich die physisch größere Herausforderung ist eher, die Jüngeren zur Hausaufgabenzeit (18-19 Uhr) zu beaufsichtigen und abends gegen 21 Uhr ins Bett zu verfrachten. Ich nehme an, um diese Uhrzeit fordern der bisherige Arbeitstag und die mittlerweile drückende Hitze (35°C im Schatten) meist ihren Tribut. Das würde zumindest die gelegentlich auftretenden Motivationsschwierigkeiten für meine abendlichen Aufgaben erklären.

Die Flora in Nordkarnataka erinnert momentan eher an Savanneh als an Dschungel, da bald die letzten Blätter von den Bäumen verschwunden sein werden und es beinahe von Tag zu Tag sichtbar karger wird (dry season). Doch, oh Wunder, vor einigen Wochen hat es vollkommen unerwartet gewittert. Zu dieser Jahreszeit habe es sowas noch nie gegeben, wurde uns gleich versichert. Der Klimawandel lässt grüßen... Ab Juni/Juli soll dann der Monsun einsetzen und danach alles grün, grün und nochmal grün sein, also doch noch Dschungel.

Als Update meines gesundheitlichen Zustands kann ich schließlich noch vermelden, dass ich meine erste Darminfektion vor einigen Wochen auskuriert habe. Seitdem geht es mir bis auf eine dauerhafte leichte Verschnupfung (heiße Tage-kühle Nächte) überraschend konstant gut. Aber ich will es lieber nicht beschreien.. 

Mittwoch, 12. Januar 2011

Ein erstes Lebenszeichen

Hallo Ihr Lieben,

ich hatte gehofft mich noch aus Frankfurt ein letztes Mal von deutschem Boden aus melden zu können, aber das war dann doch etwas hektisch. Deshalb gibt es die ersten Infos direkt aus Indien.
Bevor ich beginne möchte ich auch auf diesem Weg noch ein RIESIGES Dankeschön an alle bisherigen Spender loswerden, die dazu beitragen diesen Freiwilligeneinsatz überhaupt zu ermöglichen und die das Projekt somit enorm unterstützen! Laut letztem Stand sind bereits knapp 2.000 von den benötigten 3.600 Euro zusammengekommen, danke!


Die Flugreise von Frankfurt nach Bangalore via Dubai war ob meines Schlafmangels etwas mühsam, klappte aber -bis auf die zweistündige Verspätung direkt beim Abflug in Frankfurt wirklich reibungslos. Sogar Gepäck ist komplett angekommen.
Seit gestern Mittag bin sind wir 14 Freiwillige aus verschiedenen Ländern in einem sog. Ashram (eine Art spirituelle und ruhige Oase etwa glaube ich) nahe Bangalore untergebracht und werden hier seit heute bis zum 17. Januar, so gut es in der kurzen Zeit eben möglich ist, auf das alltägliche indische Leben vorbereitet (Sprache, Kultur, Bräuche etc.), welches uns in unseren jeweiligen Projekten erwartet ;)
Für mich geht es kommenden Montag dann gute 450 Km (per Zug) nord-westlich bis in das Dörfchen Kalkeri nahe den sogenannten "Twin-Cities" Hubli und Dharwad im Norden des Bundesstaats Karnataka.
Mein Projekt Kalkeri Sangeet Vidyalaya (KSV) befindet sich in Dharwad District, im Norden des südindischen Bundesstaats Karnataka. KSV ist eine Schule, deren Schwerpunkt das Unterrichten von Hindustani Classical Music ist. Aufgabe der KSV ist es, den 150 Schülern aus finanziell schwachen Familien, neben einer angemessenen Schulbildung, das Erlernen dieser altertümlichen musikalischen Stilrichtung zu ermöglichen.
Meine Aufgaben bestehen zu Beginn erstmal im Unterrichten von Englisch der 8. Klasse und der Betreuung der 6-11 jährigen Jungen als "Boys Warden". Abgesehen von Spiel und Spaß bin ich also auch dafür zuständig, auf die Einhaltung von Regeln und die Hygiene der Kinder zu achten.

Momentan fühlt sich alles noch so an wie Urlaub mit einer zufälligen Reisegruppe...so richtig realisiert hab ich noch nicht, dass mich ca 355 weitere Tage erwarten.
Also, mir geht es soweit gut und damit findet meine erste Wasserstandsmeldung ein gelungenes Ende :) 

Ganz liebe Grüße nach Deutschland!