Gut Ding will Weile haben. Zumindest für meine erste richtige Kundgebung vom Subkontinent sollte dieser Satz zur Maxime werden.
Nach mittlerweile/nunmehr zwei Monaten in Indien und besonders in Kalkeri Sangeet Vidyalaya (KSV) ist es mir erst ansatzweise möglich, das bisher Erlebte einzuordnen und meine Tätigkeiten etwas differenzierter zu beschreiben und zu beurteilen.
"Our location is very rural and we live in a traditional manner so volunteers should be prepared to leave behind some of their home comforts that they may be used to. (...) We try very hard to develop the project with the least disturbance to the environment. The majority of our buildings are traditionally made using locally sourced materials."
Ich habe wirklich lange gegrübelt, aber besser und prägnanter als in der Projektbeschreibung von KSV kann man wirklich nicht versuchen zu vermitteln, was einen hier erwartet. So gut das Schwarz auf Weiß eben überhaupt möglich ist. Denn - soweit meine Überzeugung - es gibt absolut keine Möglichkeit sich so vorzubereiten, dass man sich, einmal angekommen, immernoch vorbereitet fühlt. Was wohl auch so ziemlich das Einzige von allgemeiner Gültigkeit sein dürfte im Land der Vielfalt.
Auf dem 12.000 m² Campus befinden sich sieben explizite Unterrichtshütten, die Küche, das Office, vier Hostels für die Schüler, das Volunteershouse sowie drei weitere Unterkünfte für Freiwillige und Gäste, eine große Allzweckhalle zum essen, unterrichten etc. ("Yogahall") und einige Unterkünfte für Arbeiter sowie das Haus der Gründerfamilie Fortier. Die besagten "locally sourced materials" aus denen die Häuser bestehen, sind Bambus, Erdmatsch und Gobar (Kuhdung). So bekommt man neben dem rustikalen Stil gleich noch den rustikalen Geruch mitgeliefert. Wir verfügen sogar über einen kleinen See. Der wird aber nur zum Waschen genutzt, Baden nicht empfohlen!
Wenn das Volunteershouse zwischen sieben und acht langsam aus seinen Träumen erwacht, herrscht in der Schule längst Hochbetrieb. Die morgendliche Übungszeit (music practice) beginnt um sechs, besonders ambitionierte Schüler klimpern sogar gelegentlich ab 4.30 Uhr auf wahlweise Sitar, Tabla, Flute oder Harmonium (+ Gesang). Es ist mit Sicherheit keine Überraschung, dass jenes frühmorgendliche ja beinahe nächtliche Gedudel, welches den Volunteers regelmäßig den wohlverdienten Schlaf raubt, schon des öfteren Zielscheibe wüster Verfluchungen wurde. Besonders dann, wenn es am Vorabend etwas später geworden ist... selbstverständlich dem Korrigieren von Hausaufgaben oder der Unterrichtsvorbereitung geschuldet. Aber was hilft all der Protest, Sangeet steht nunmal für Musik und nicht für Meditation.
Ein typischer Volunteerstag beginnt gegen acht Uhr mit Nashta (Frühstück). Kurz vorher schäle ich mich also aus meiner Matratze, welche nicht mehr auf einem Feldbett mit indischen Maßen liegt, sondern mittlerweile den Boden ziert. Mein Moskitonetz ist dank Doppelbettversion zum Glück lang genug um mich weiterhin vor gierigen Blutsaugern und anderem Getier zu schützen. Wenn mich zuweilen der Übermut packt, werden sogar noch Haar und Antlitz mit einem Spritzer Wasser benetzt, bevor es hinuntergeht in Richtung Küche, ist eher selten der Fall.
Upid, Aulaki, Palau, Idli, Noodles sind die Namen unserer fünf kulinarischen Willkommensheißer. Klingt wunderbar exotisch, weiß ich, man könnte aber auch schreiben: eine Art Kuskus, Reisflocken, gelber Reis, zusammengepresster Reis, eine Art Nudeln. Aulaki und Idli sind astrein, den Rest kann man weitesgehend vergessen. Selbstverständlich gibt es diese Gerichte einzeln und im Wechsel, nicht jeden Morgen die gesamte Auswahl. Sollte eine allzu große Abneigung bestehen, bleibt im äußersten Notfall noch der Blick in die private Vorratsbox, oftmals auf Bananen und Kekse. Von 8.30-11.30 Uhr steht Musikunterricht für die Kinder auf dem Programm. Diese Zeit wird von uns meist zur Unterrichtsvorbereitung oder für Förderunterricht (extra class) genutzt.
Eins muss klar sein, KSV allein ist nicht Indien und Indien ist nicht nur KSV. Da schätzungsweise 90-95% der Zeit auf dem Campus der Schule verbracht werden, bekommt man hier punktuell zweifelsohne einen unglaublich vertieften und konzentrierten Einblick in das indische Leben. Aber eben nahezu ausschließlich für diese eine spezifische Gemeinschaft, darüber hinaus eher wenig. Zwar steht jedem Freiwilligen pro Woche ein freier Tag zu, an dem wir uns bewegen können wo es uns beliebt. Jedoch erlaubt die Kürze dieses Zeitraums erlaubt nunmal keine großen Sprünge, sodass man über den Bereich Hubli/Dharwad im Regelfall nicht hinauskommt. Eine solche Ausnahme war unser Wochenendtrip Mitte Februar, als wir zu siebt His Holiness samt Lamamobil in einem tibetanischen Flüchtlingscamp 50 Km von hier auf einen Buttertee besucht haben. Die sechsstündigen Teachings waren zugegebenermaßen eine Tortur für mein zartes westliches Sitzfleisch, gelohnt hat sich dennoch jeder Moment.
Mit derzeit 15 Volunteers sind wir die größte Gruppe die es hier jemals gegeben hat und stellen für den verfügbaren Wohnraum definitiv auch die Maximalauslastung dar. Einerseits ist es klasse, wenn man beispielweise abends als Gruppe auf der gemeinsamen Terrasse zusammensitzen kann, andererseits muss man auch dazu bereit sein, seine Privatsphäre auf ein Minimum zu beschränken, hockt man quasi ohne "Lärmschutz" gezwungenermaßen dauernd aufeinander (im Volunteershouse sind fünf Zimmer die mit Bambus voneinander getrennt sind, sprich mit guten Ohren und in einer ruhigen Minute kann man den Nachbarn sogar atmen hören). Aufgrund der anhaltenden Überbelegung teile ich übrigens mein 10m² Zimmer weiterhin mit einem Kanadier, bis Mitte April die meisten Kanadier und Franzosen wieder abreisen. Da ich diese Erfahrung nun schon hinter mir habe, sollte ich für den rest meines Aufenthalts aus dem Schneider sein.
Seit Mitte Januar versuche ich also, die Englischkenntnisse der 14 Schüler meiner achten Klasse zu verbessern und sie bestmöglich auf das Examen am kommenden Montag vorzubereiten. Ich unterrichte neun Jungen und vier Mädchen im Alter von 13-14 Jahren. Dafür, dass ich ohne jegliche Lehrerfahrung von Beginn an allein unterrichtet habe, schlage ich mich auch ganz passabel denke ich. Ein wenig einengend bei der Unterrichtsgestaltung ist leider, dass für die Examen das staatlich vorgeschriebene Buch inhaltlich durchgearbeitet sein muss, dessen Texte minimal bis gar nicht auf den realen Leistungsstand der Schüler/Jahrgänge abgestimmt sind. Heißt im Endeffekt: Weil das Durcharbeiten der Lektüre schleppend vorangeht und so manches Gedicht Wort für Wort erklärt werden muss, bleibt kaum Zeit um (z.T. elementare) Grammatik zu behandeln, welche einige der Kinder dringend benötigten. Aber kein Grund zur Besorgnis, das indische Gesetz hat die Lösung längst parat: Stufe wiederholen? Lass stecken, egal wie schlecht ein Examen ausfällt. Lediglich in der 10. Klasse, der letzten vor dem College, müssen grandiose 35% erreicht werden um zu bestehen.
Für mich persönlich die physisch größere Herausforderung ist eher, die Jüngeren zur Hausaufgabenzeit (18-19 Uhr) zu beaufsichtigen und abends gegen 21 Uhr ins Bett zu verfrachten. Ich nehme an, um diese Uhrzeit fordern der bisherige Arbeitstag und die mittlerweile drückende Hitze (35°C im Schatten) meist ihren Tribut. Das würde zumindest die gelegentlich auftretenden Motivationsschwierigkeiten für meine abendlichen Aufgaben erklären.
Die Flora in Nordkarnataka erinnert momentan eher an Savanneh als an Dschungel, da bald die letzten Blätter von den Bäumen verschwunden sein werden und es beinahe von Tag zu Tag sichtbar karger wird (dry season). Doch, oh Wunder, vor einigen Wochen hat es vollkommen unerwartet gewittert. Zu dieser Jahreszeit habe es sowas noch nie gegeben, wurde uns gleich versichert. Der Klimawandel lässt grüßen... Ab Juni/Juli soll dann der Monsun einsetzen und danach alles grün, grün und nochmal grün sein, also doch noch Dschungel.
Als Update meines gesundheitlichen Zustands kann ich schließlich noch vermelden, dass ich meine erste Darminfektion vor einigen Wochen auskuriert habe. Seitdem geht es mir bis auf eine dauerhafte leichte Verschnupfung (heiße Tage-kühle Nächte) überraschend konstant gut. Aber ich will es lieber nicht beschreien..
Nach mittlerweile/nunmehr zwei Monaten in Indien und besonders in Kalkeri Sangeet Vidyalaya (KSV) ist es mir erst ansatzweise möglich, das bisher Erlebte einzuordnen und meine Tätigkeiten etwas differenzierter zu beschreiben und zu beurteilen.
"Our location is very rural and we live in a traditional manner so volunteers should be prepared to leave behind some of their home comforts that they may be used to. (...) We try very hard to develop the project with the least disturbance to the environment. The majority of our buildings are traditionally made using locally sourced materials."
Ich habe wirklich lange gegrübelt, aber besser und prägnanter als in der Projektbeschreibung von KSV kann man wirklich nicht versuchen zu vermitteln, was einen hier erwartet. So gut das Schwarz auf Weiß eben überhaupt möglich ist. Denn - soweit meine Überzeugung - es gibt absolut keine Möglichkeit sich so vorzubereiten, dass man sich, einmal angekommen, immernoch vorbereitet fühlt. Was wohl auch so ziemlich das Einzige von allgemeiner Gültigkeit sein dürfte im Land der Vielfalt.
Auf dem 12.000 m² Campus befinden sich sieben explizite Unterrichtshütten, die Küche, das Office, vier Hostels für die Schüler, das Volunteershouse sowie drei weitere Unterkünfte für Freiwillige und Gäste, eine große Allzweckhalle zum essen, unterrichten etc. ("Yogahall") und einige Unterkünfte für Arbeiter sowie das Haus der Gründerfamilie Fortier. Die besagten "locally sourced materials" aus denen die Häuser bestehen, sind Bambus, Erdmatsch und Gobar (Kuhdung). So bekommt man neben dem rustikalen Stil gleich noch den rustikalen Geruch mitgeliefert. Wir verfügen sogar über einen kleinen See. Der wird aber nur zum Waschen genutzt, Baden nicht empfohlen!
Wenn das Volunteershouse zwischen sieben und acht langsam aus seinen Träumen erwacht, herrscht in der Schule längst Hochbetrieb. Die morgendliche Übungszeit (music practice) beginnt um sechs, besonders ambitionierte Schüler klimpern sogar gelegentlich ab 4.30 Uhr auf wahlweise Sitar, Tabla, Flute oder Harmonium (+ Gesang). Es ist mit Sicherheit keine Überraschung, dass jenes frühmorgendliche ja beinahe nächtliche Gedudel, welches den Volunteers regelmäßig den wohlverdienten Schlaf raubt, schon des öfteren Zielscheibe wüster Verfluchungen wurde. Besonders dann, wenn es am Vorabend etwas später geworden ist... selbstverständlich dem Korrigieren von Hausaufgaben oder der Unterrichtsvorbereitung geschuldet. Aber was hilft all der Protest, Sangeet steht nunmal für Musik und nicht für Meditation.
Ein typischer Volunteerstag beginnt gegen acht Uhr mit Nashta (Frühstück). Kurz vorher schäle ich mich also aus meiner Matratze, welche nicht mehr auf einem Feldbett mit indischen Maßen liegt, sondern mittlerweile den Boden ziert. Mein Moskitonetz ist dank Doppelbettversion zum Glück lang genug um mich weiterhin vor gierigen Blutsaugern und anderem Getier zu schützen. Wenn mich zuweilen der Übermut packt, werden sogar noch Haar und Antlitz mit einem Spritzer Wasser benetzt, bevor es hinuntergeht in Richtung Küche, ist eher selten der Fall.
Upid, Aulaki, Palau, Idli, Noodles sind die Namen unserer fünf kulinarischen Willkommensheißer. Klingt wunderbar exotisch, weiß ich, man könnte aber auch schreiben: eine Art Kuskus, Reisflocken, gelber Reis, zusammengepresster Reis, eine Art Nudeln. Aulaki und Idli sind astrein, den Rest kann man weitesgehend vergessen. Selbstverständlich gibt es diese Gerichte einzeln und im Wechsel, nicht jeden Morgen die gesamte Auswahl. Sollte eine allzu große Abneigung bestehen, bleibt im äußersten Notfall noch der Blick in die private Vorratsbox, oftmals auf Bananen und Kekse. Von 8.30-11.30 Uhr steht Musikunterricht für die Kinder auf dem Programm. Diese Zeit wird von uns meist zur Unterrichtsvorbereitung oder für Förderunterricht (extra class) genutzt.
Eins muss klar sein, KSV allein ist nicht Indien und Indien ist nicht nur KSV. Da schätzungsweise 90-95% der Zeit auf dem Campus der Schule verbracht werden, bekommt man hier punktuell zweifelsohne einen unglaublich vertieften und konzentrierten Einblick in das indische Leben. Aber eben nahezu ausschließlich für diese eine spezifische Gemeinschaft, darüber hinaus eher wenig. Zwar steht jedem Freiwilligen pro Woche ein freier Tag zu, an dem wir uns bewegen können wo es uns beliebt. Jedoch erlaubt die Kürze dieses Zeitraums erlaubt nunmal keine großen Sprünge, sodass man über den Bereich Hubli/Dharwad im Regelfall nicht hinauskommt. Eine solche Ausnahme war unser Wochenendtrip Mitte Februar, als wir zu siebt His Holiness samt Lamamobil in einem tibetanischen Flüchtlingscamp 50 Km von hier auf einen Buttertee besucht haben. Die sechsstündigen Teachings waren zugegebenermaßen eine Tortur für mein zartes westliches Sitzfleisch, gelohnt hat sich dennoch jeder Moment.
Mit derzeit 15 Volunteers sind wir die größte Gruppe die es hier jemals gegeben hat und stellen für den verfügbaren Wohnraum definitiv auch die Maximalauslastung dar. Einerseits ist es klasse, wenn man beispielweise abends als Gruppe auf der gemeinsamen Terrasse zusammensitzen kann, andererseits muss man auch dazu bereit sein, seine Privatsphäre auf ein Minimum zu beschränken, hockt man quasi ohne "Lärmschutz" gezwungenermaßen dauernd aufeinander (im Volunteershouse sind fünf Zimmer die mit Bambus voneinander getrennt sind, sprich mit guten Ohren und in einer ruhigen Minute kann man den Nachbarn sogar atmen hören). Aufgrund der anhaltenden Überbelegung teile ich übrigens mein 10m² Zimmer weiterhin mit einem Kanadier, bis Mitte April die meisten Kanadier und Franzosen wieder abreisen. Da ich diese Erfahrung nun schon hinter mir habe, sollte ich für den rest meines Aufenthalts aus dem Schneider sein.
Seit Mitte Januar versuche ich also, die Englischkenntnisse der 14 Schüler meiner achten Klasse zu verbessern und sie bestmöglich auf das Examen am kommenden Montag vorzubereiten. Ich unterrichte neun Jungen und vier Mädchen im Alter von 13-14 Jahren. Dafür, dass ich ohne jegliche Lehrerfahrung von Beginn an allein unterrichtet habe, schlage ich mich auch ganz passabel denke ich. Ein wenig einengend bei der Unterrichtsgestaltung ist leider, dass für die Examen das staatlich vorgeschriebene Buch inhaltlich durchgearbeitet sein muss, dessen Texte minimal bis gar nicht auf den realen Leistungsstand der Schüler/Jahrgänge abgestimmt sind. Heißt im Endeffekt: Weil das Durcharbeiten der Lektüre schleppend vorangeht und so manches Gedicht Wort für Wort erklärt werden muss, bleibt kaum Zeit um (z.T. elementare) Grammatik zu behandeln, welche einige der Kinder dringend benötigten. Aber kein Grund zur Besorgnis, das indische Gesetz hat die Lösung längst parat: Stufe wiederholen? Lass stecken, egal wie schlecht ein Examen ausfällt. Lediglich in der 10. Klasse, der letzten vor dem College, müssen grandiose 35% erreicht werden um zu bestehen.
Für mich persönlich die physisch größere Herausforderung ist eher, die Jüngeren zur Hausaufgabenzeit (18-19 Uhr) zu beaufsichtigen und abends gegen 21 Uhr ins Bett zu verfrachten. Ich nehme an, um diese Uhrzeit fordern der bisherige Arbeitstag und die mittlerweile drückende Hitze (35°C im Schatten) meist ihren Tribut. Das würde zumindest die gelegentlich auftretenden Motivationsschwierigkeiten für meine abendlichen Aufgaben erklären.
Die Flora in Nordkarnataka erinnert momentan eher an Savanneh als an Dschungel, da bald die letzten Blätter von den Bäumen verschwunden sein werden und es beinahe von Tag zu Tag sichtbar karger wird (dry season). Doch, oh Wunder, vor einigen Wochen hat es vollkommen unerwartet gewittert. Zu dieser Jahreszeit habe es sowas noch nie gegeben, wurde uns gleich versichert. Der Klimawandel lässt grüßen... Ab Juni/Juli soll dann der Monsun einsetzen und danach alles grün, grün und nochmal grün sein, also doch noch Dschungel.
Als Update meines gesundheitlichen Zustands kann ich schließlich noch vermelden, dass ich meine erste Darminfektion vor einigen Wochen auskuriert habe. Seitdem geht es mir bis auf eine dauerhafte leichte Verschnupfung (heiße Tage-kühle Nächte) überraschend konstant gut. Aber ich will es lieber nicht beschreien..
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