Drei Monate - 90 Tage bin ich nun schon auf dem Subkontinent. Oder sollte ich doch lieber sagen "erst"?! Es ist gerade diese für Indien charakteristische Ambivalenz, die das Land oftmals so chaotisch und unverständlich erscheinen lässt.
Einerseits sind drei Monate keine Ewigkeit und ich fühle mich für meinen Geschmack immer noch viel zu oft wie ein Fremdkörper, andererseits steckt in derselben Zeit bereits ein ganzes Universum aus Gefühlen, Erfahrungen, Eindrücken und Gedanken, unmöglich dies zu reduzieren auf eine triviale Zahl.
Ähnlich kurios verhält es sich mit meiner Stimmung und deren sprunghaften Schwankungen. Von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt ist alles vertreten, manchmal sogar binnen weniger Stunden. Da ich etwas derartiges nie zuvor erlebt hatte, war und bin ich immer wieder verwirrt über diese abrupten Wechselbäder der Gefühle.
Schule ist aus, es ruft der Dienst für das Vaterland. Klappe die letzte übrigens, war diese Idee eigentlich Ihre eigene Herr von und zu Guttenberg?
Sechs Monate lang Betten schieben in deutschen Krankenhäusern oder alten Menschen den Ar..llerwertesten abwischen?! Vor geraumer Zeit hatte ich bereits entschieden, dass der Ziviersatz im Ausland wohl eher mein Fall war. Dort helfen wo es wirklich gebraucht wird, etwas weitergeben von der genossenen Bildung und dabei noch den eigenen Horizont um ein vielfaches erweitern. Diese vermeintlich perfekte Mischung aus Altruismus, Weltoffenheit und Bewusstsein sollte es sein.
"Wow du gehst für ein Jahr nach Indien? Das ist ja mutig, Respekt!" Sätze wie diese habe ich meist etwas geschmeichelt aber beschwichtigend abgetan. So besonders sei das doch gar nicht. Mit einem Auslandsjahr in Argentinien im Rücken fühlte ich mich für das Projekt Indien jedenfalls absolut ausreichend gewappnet. Angst vor dem Kulturschock?! Kannte ich doch alles schon, ist halt nur ein anderes Land.
Meine Einstellung dazu hat sich mittlerweile geändert und manchmal ertappe ich mich selbst bei der Frage, ob ich es mir mit einer Bewerbung für ein Land mit einer Kultur, die nicht 180 Grad von der unsrigen abweicht, nicht etwas leichter hätte machen können. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, aber das wäre dann ja auch nur halb so spannend gewesen, oder?!
Aber kurz zu meinem Projekt und meiner Tätigkeit: Ich bin im Dorf Kalkeri in der Nähe der Stadt Dharwad in einer Musikschule für klassische indische Musik. In den ersten drei Monaten hatte ich sowohl Lehr- als auch aus Betreuerfunktionen inne. Mein Arbeitstag bestand primär aus einer Unterrichtseinheit Englisch mit meiner 8. Klasse, deren Vorbereitung, der Betreuung der kleineren Jungen zur Hausaufgabenzeit, während des Duschens und vor dem Zubettgehen. Nebenbei standen täglich eine Nachhilfestunde, eine Lesestunde, eine Schönschreibestunde und das Einsammeln und Sortieren der Hausaufgaben aller Kinder auf meiner Agenda.
Da Kalkeri Sangeet Vidyalaya (KSV) ein Internat ist, erstrecken sich diese Aufgaben über den ganzen Tag, gearbeitet wird sechs Tage die Woche. Dieses fehlende Wochenende hat mir besonders zu Beginn sehr zu schaffen gemacht, da es die Freizeit- und Reiseaktivitäten doch merklich einschränkt. Vor Allem wenn man von den Arbeitszeiten anderer Freiwilliger hört, die teilweise deutlich mehr Freiraum lassen. Dennoch bin ich zu dem Entschluss gekommen, das Gefühl zu haben, in seinem Projekt gebraucht zu werden und mit seiner Arbeit etwas zu bewirken, ist es eindeutig Wert, einige Abstriche dafür in Kauf zu nehmen.
KSV liegt beinahe soweit ab vom Schuss, wie nur irgend möglich. Das angrenzende Eintausenseelennest Kalkeri ist eine gute Stunde von der mittelgroßen Stadt Dharwad entfernt. Und selbst dort ist ein Mensch weißer Hautfarbe nur anzutreffen, wenn er entweder zu KSV gehört, oder aber sich gewaltig verirrt hat. Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit ist unsereinem also gewiss.
Ein wenig westliches Flair kann man sich zwar im "Feinkostladen" Dharwads in Form von Nutella, Pringles oder Kinderschokolade erkaufen, auf das gewohnte Essen aus der Heimat ist man allerdings gezwungen zu verzichten. Auch wenn gerade dieser Verzicht eine der Konsequenzen für die Gründe ist, aus denen man hier ist - nämlich weil man Neues, Anderes erleben, fühlen und schmecken möchte - so fühlt sich all das gelebt noch einmal ganz anders an als in der edlen Vorstellung und man vermisst den gewohnten Komfort eben doch schneller, als einem das vielleicht lieb ist.
Wer nun aber meint, diese Abgeschiedenheit bürge ausschließlich Nachteile, der ist mit Sicherheit auf dem Holzweg. Die auswärtige Lage des Projekts garantiert Ruhe vor Lärm, Verschmutzung und Gedränge der Stadt. Feiertage wie Holi (Fest der Farben) und den Gewinn des Cricket World Cup haben wir zusammen in der Schulgemeinschaft zelebrieren können. Und die Chance, solch einen vertieften Einblick in das traditionelle indische Leben zu bekommen, haben wahrscheinlich die Wenigsten.
Es ist bekannt, aller Anfang ist schwer. So waren auch diese ersten drei Monate nicht immer leicht für mich, dennoch kann ich guten Gewissens behaupten, mein Möglichstes zu geben, um im Mysterium Indien mehr und mehr Fuß zu fassen. Ich freue mich, hier zu sein und diese Herausforderung angetreten zu haben.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen