Als sich mein Urlaub im Mai dem Ende zuneigte und es an der Zeit war nach Kalkeri
zurückzukehren, versetzte mich diese Vorstellung nicht etwa in schlechte Stimmung,
sondern erfüllte mich nach der abenteuerlichen Abwechslung der vergangenen fünf
Wochen mit Vorfreude auf mein ruhiges und gewohntes Umfeld hier. Ich hatte
erstmals das Gefühl nach Hause zu kommen.
Ähnliche Momente habe ich in den folgenden Monaten immer wieder erlebt.
Momente der Bestätigung, in denen es sich einfach so unglaublich richtig anfühlt,
hier zu sein.
Als Englischlehrer der sechsten und siebten Klasse - meine Haupttätigkeit der
vergangenen vier Monate habe ich immer wieder ernüchtert feststellen und
hinnehmen müssen, dass eigene Vorhaben und Erwartungen oftmals nicht der
Realität entsprachen und mir nichts anderes übrig blieb,als mich daraufhin schon
bald mit geringen Fortschritten zufriedenzugeben.
Dass ich in der Anfangszeit bereits erste Lehrerfahrung mit der achten Klasse
sammeln konnte, machte es etwas einfacher. Schließlich konnte ich ja mehr oder
weniger einschätzen, was auf mich zukam und wurde nicht erneut ins kalte Wasser
geworfen. Trotzdem habe ich natürlich einige Zeit benötigt, meine neuen Schüler
besser kennenzulernen und auch einschätzen zu können.
Seitdem ich hier bin, versuche ich den Kindern zu vermitteln, dass die Aufgabe eines
Lehrers nicht darin besteht, den Schülern alle Antworten auf dem Silbertablett zu
servieren damit diese sie auswendig lernen und später ohne Reflektion und
Lerneffekt stumpfsinnig wiedergeben können, sondern ihnen Denkanstöße zu geben
und sie zu motivieren, ihre eigenen grauen Zellen zu nutzen um Fragestellungen zu
lösen.
Die Schüler von gestern, also die Lehrer von heute, haben diese Lehr- und
Lernmethoden, ebenso wie Generationen zuvor, von Grund auf vermittelt und
anerzogen bekommen und geben sie nun ihrerseits weiter. Kombiniert mit der
hierarchiefokussierten indischen Kultur ist daraus ein Bildungssystem entstanden, in
dem nichts hinterfragt und alles als beinahe gottgegeben angesehen und
übernommen wird. Weder der Lehrer noch der Schüler als Individuum tragen für
mich die Hauptschuld an dieser Misere, sondern das System in dem sie sich
befinden.
Dass ich diese Meinung habe, ändert aber nichts daran, dass die Zeit als indischer
Lehrer mich einiges gelehrt hat und ich sehr froh über diese Erfahrung bin. Eine
Unterrichtsstunde so zu gestalten, dass sie für die Schüler interessant und spannend
ist, verlangt Übung, Vorbereitung und eine große Prise Empathie. Oftmals kreisten
meine Gedanken um Fragen wie "Gestalte ich den Unterricht sinnvoll und
interessant?" oder "Bringe ich den Stoff so rüber, dass meine Schüler es begreifen?",
über denen ich nicht selten auch die eigene Kompetenz in Frage stellte und Zweifel
an mir nagten. Es ist ein Schmaler Grat, auf dem es gilt die richtige Mixtur zu finden
um Spannung, Interesse, Freude und Aufmerksamkeit bei den Schülern zu wecken,
jeden Tag aufs Neue. So habe ich bereits etwas beschähmt an die eigenen
Ansprüche und z.T. verständnislosen Kommentare Lehrern gegenüber zurückdenken
müssen.
Die früher oder später einsetzende Routine lässt Tage und Wochen irgendwann nur
noch so vorbeifliegen. Es ereignet sich nicht mehr so viel Neues wie noch zu Beginn
und ehe ichs mich versehe geht die Sonne schon wieder unter. Manchmal habe ich
das Gefühl, eigentlich nur meine Aufgaben erfüllt und zwischendurch mal was
gegessen zu haben und wundere mich wo die ganze Zeit geblieben ist, Wahnsinn.
Die indische Reisdiät und damit einhergehende Einschränkungen bei der
Nährstoffaufnahme haben mich erstmalig dazu motiviert mir Gedanken über eine
bewusste Ernährung zu machen. Eine gute Vorbereitung also für die Studienzeit,
wenn nicht mehr Mutti all die gesunden Lebensmittel einkauft und auf eine halbwegs
ausgewogene Ernährung achtet. Ich habe sogar meine recht limitierten Kochküste
um einige Facetten bereichern können. Just do it Masala.
Ebenso wie die okzidentale Leitung der Schule (Quebec, England, Frankreich,
Deutschland) sehe ich die Volunteersgemeinschaft in Kalkeri als ein großes Plus.
Besonders neue Freiwillige müssen so nicht sofort von 0 auf 100 umschalten und
können sich bei kulturellen Unsicherheiten oder Problemen an erfahrenere
Mitfreiwillige wenden. Die indischen Mitarbeiter sind Arbeit und Zusammenleben mit
Westlern und deren Kultur mittlerweile gewohnt, sodass auch die Kommunikation
innerhalb der Schule im Regelfall ohne Probleme funktioniert.
Für mich ist der einzige negative Effekt dieser komfortablen Umstände, dass sie dazu
verleiten, die freie Zeit nach der Arbeit eher untereinander als mit den Kindern zu
verbringen. Das bedaure ich im Nachhinein sehr und möchte die mir verbliebene Zeit
nutzen, dies nachzuholen und mehr Zeit "privat" mit unseren Schülern zu verbringen.
Im Juni habe ich endlich begonnen mich gewissenhafter mit meinem bereits
eingestaubten Teach yourself Hindi Buch auseinanderzusetzen.
Da in meinem Umfeld nahezu ausschließlich Kannada und Englisch gesprochen
werden, gehen die Fortschritte leider nicht ganz so schnell voran wie ich mir das
manchmal wünsche. Lesen und schreiben kann ich - wenn auch langsam - schon
ganz gut; um Gehör und Kommunikation zu schulen sitze ich neuerdings im
Unterricht der sechsten Klasse, sofern es mein Arbeitsplan zulässt. Ich bin guter
Dinge, bis Ende des Jahres noch einiges dazuzulernen um bei meiner Rückkehr ein
wenig auf Hindi parlieren zu können. Stellt sich nurnoch die Frage mit wem...
Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich mir kaum vorstellen, all dies bald bereits hinter mir
zu lassen und in den deutschen Alltag zurückzukehren. Keine Kinder mehr, die mich
mit sinnlosen Fragen nerven. Kein Bus ohne Türen und verglaste Fenster mehr, in
dem es mich bei jedem Schlagloch dreißig Zentimeter aus meinem Sitz
hochschleudert. Keine Musik, die einen in aller Herrgottsfrühe bereits beschallt. Eine
Liste die ich wahrscheinlich endlos so fortführen könnte. Sooft sie mich auch auf die
Palme gebracht hat, ist die indische Kultur doch längst Teil von mir geworden. Ich
wackle mit dem Kopf um meine Zustimmung auszudrücken, springe todesmutig auf
den noch fahrenden Bus, um einen Sitzplatz zu ergattern, bin zu 99% auf Flip Flops
oder Barfuß unterwegs und wie sich Toilettenpapier anfühlt weiß ich schon lange
nicht mehr.
