In Mumbai wird auf den Dächern gespielt; In Varanasi an den Ufern des Ganges, zwischen Pilgern, Touristen und heiligen Kühen; in Darjeeling inmitten von Teeplantagen mit Blick auf den Katchentzonga. In Kalkutta spielt man in schmalen, von Müllbergen gesäumten Gassen, um der sengenden Hitze zu entgehen. Und selbst in Kalkeri vergeht kaum ein Tag, ohne dass der rote Ball aus Hartgummi die Luft über dem Playground schneidet.
Umso wundersamer mutet die unbändige Leidenschaft an, die trotz jener Vorbehalte in den vergangenen Jahrzehnten für diesen Sport entbrannt ist. In welche Ecke Indiens es einen auch verschlagen mag, es fällt schwer sich ihm gänzlich zu entziehen.
| Batting in einem Park in Mumbai |
Denn wo dem Inder die Mittel fehlen, da improvisiert er eben: Ob mit einem professionellen Spielgerät, einem Tennisball, oder der do it yourself Variante aus zusammengepresstem Müll und anderen Fundstücken; Solange man ihn auf das Zielobjekt, genannt wicket, schleudern kann, ist jeder Gegenstand willkommen.
Spätestens jetzt sollte ich wohl die Spielregeln erklären. Keine leichte Aufgabe (denjenigen, die noch immer ihre liebe Müh und Not mit dem Verstehen der Abseitsregel haben, empfehle ich, den folgenden Absatz getrost zu überspringen und unter dem nächsten Foto weiterzulesen).
Tatsächlich sind beim Cricket gewisse Ähnlichkeiten mit Brennball und Baseball unverkennbar. Mitten auf dem Platz stehen zwei knapp 20 Meter voneinander entfernte Hölzer (wickets). Die zwei Mannschaften zu je elf Spielern wechseln sich mit Werfen (bowling) und Schlagen (batting) ab. Jeweils zwei Spieler der battenden Mannchaft stehen an diesen Hölzern - der eine versucht, mit einem Schläger (bat) den ihm zugeworfenen Ball so im Feld zu platzieren, dass er mit seinem Partner die Positionen wechseln kann, ehe die gegnerische Mannchaft den Ball zu den Hölzern zurückwirft. Dies bringt einen Punkt (run) ein. Er kann den Ball über die äußere Markierung schlagen und, ohne zu laufen, gleich vier (wenn der Ball vorher aufditscht) oder sechs Punkte (wenn er drüber fliegt) erzielen. Die werfende Mannchaft, die sich vollzählig auf dem Feld verteilt hat, versucht den Ball so schnell wie möglich wieder zu den Hölzern zurückzuwerfen. Werden diese berührt, bevor der laufende Batsman sie erreicht, scheidet er aus. Ebenso, wenn der von ihm geschlagene Ball gefangen wird oder wenn der Bowler die Hölzer direkt trifft. Wird einem Batsman vom Schiedsrichter (umpire) 'Aus' erteilt, muss er vom Feld. Er wird von nächsten Mannschaftskameraden ersetzt, bis alle elf an der Reihe waren und der Durchgang (innings) zu Ende geht. Nun muss die bislang werfende und im Feld stehende (fielding) Mannschaft versuchen, mehr Runs zu erzielen als der Gegner zuvor. Um zu verhindern, dass der Batsman die Hölzer nicht stets mit seinen Beinen vor gegnerischen Treffern schützt, gibt es ein kurioses Detail, das zudem für die meiste Aufregung sorgt. Diese Zusatzregel nennt sich 'lbw' (leg before wicket) und darf von der werfenden Mannschaft per Reklamation (appeal) vorgetragen werden. Wo bis vor einigen Jahren noch der Unparteiische - bedrängt von aufgebrachten und wild gestikulierenden Spielern und einem grölenden Publikum die Flugkurve des roten Geschosses möglichst gerecht beurteilen musste, nimmt ihm heutzutage der Videobeweis diese äußerst heikle und spielbestimmende Entscheidung ab.Ein Testmatch erstreckt sich über fünf Tage, von der Frühe bis kurz vor Sonnenuntergang, unterbrochen nur von einer Stunde Mittagspause und 20 Minuten Teatime. Zu allem Überfluss endet der fünftägige Spaß oftmals in einem Unentschieden! Doch entgegen dem internationalen Trend herrscht in Indien ein kolossaler Cricketboom.
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| Auch Cricket kann dynamisch: India vs. Sri Lanka |
Im Zug von Dharwad nach Hyderabad teilte ich mein Abteil mit einer Gruppe indischer Studenten. Wie für junge Männer nicht ungewöhnlich, kamen wir irgendwann auch auf das Thema Sport zu sprechen. Der offizielle Nationalsport Indiens sei Hockey, ließ ich mir erklären, doch der Erfolg in dieser Sparte bleibe leider seit geraumer Zeit aus. Auf meine Frage, was für einen Stellenwert denn Cricket genieße, bekam ich die Antwort: "Cricket, that's almost a religion!" Cricket ist also so etwas, was man auf Neudeutsch als "Nationalsport der Herzen" bezeichnen würde. Mit dieser Erkenntnis lässt sich die leidenschaftliche Hingabe einer gesamten Nation für jenen Sport, in dem manchmal stundenlang nicht mehr zu passieren scheint als das gegenseitige Belauern von Bowler und Batsman, vielleicht ein wenig besser nachvollziehen.
Ob Global Player, der einen ganzen Verein sponsert, um die eigene Marke öffentlichkeitswirksam zu präsentieren oder Imbissbudenbesitzer der in einen kleinen Fernseher investiert, um mit der Live Übertragung neue Kundschaft anzulocken; jeder versucht irgendwie vom Hype zu profitieren. Cricket ist wie geschaffen fürs Fernsehen. Man deckt mit vergleichsweise geringen Kosten das Programm eines kompletten Tages ab und lässt alle fünf Minuten die neuesten Werbespots über den Bildschirm flimmern. Abends kann man in einer Zusammenfassung die besten Szenen dann ein zweites Mal zeigen.
Doch leider lockt das viele Geld auch allerlei zwielichte Gestalten an, die außschließlich daran interessiert sind, sich durch kriminelle Machenschaften auf Kosten des Sports zu bereichern. Bereits um die Jahrtausendwende erschütterte ein handfester Wettskandal die sich ihrer Gentleman-Tugenden rühmende Sportart in ihren Grundfesten. Die sogenannte Cronje-Affäre bedeutete einen herben Imageverlust und führte zu einer Reihe Untersuchungen und Entlarvungen.
Im vergangenen Jahr kam es zu erneut Manipulationsvorwürfen. Scotland Yard leitete die Ermittlungen gegenüber drei Spielern der pakistanischen Nationalmannschaft und deckte in deren Verlauf weitere Fälle von Bestechung auf.
"Nichts mehr ist echt. Nichts. Kricket ist ein Glücksspiel, das die Mafia kontrolliert", schimpfte Pakistans Kricketidol Sarfaraz Nawaz im Jahr 2007. Er sollte Recht behalten.
Seit 1975 wird alle vier Jahre ein Weltmeister im verkürzten One-Day Modus (One Day International) gekürt. Wie es der Zufall so wollte wurde der Cricket World Cup 2011 ausgerechnet in Indien, Sri Lanka und Bangladesch vor einem begeisterten Publikum ausgetragen. Und ich mittendrin! Vom 19. Februar bis 2. April befand sich das gesamte Land im absoluten Ausnahmezustand; Cricket dominierte jede Zeitung, jedes Gespräch. Mantesh, einer unserer älteren Schüler, war wochenlang nicht mehr ohne sein Kofferradio anzutreffen, um auch bloß kein noch so kleines Detail zu verpassen.
Für alle Kritiker, die schon immer gepredigt haben Cricket befinde sich auf der Spannungsskala in Schlagdistanz zu Marathonlauf und Schach, lieferte der Südafrikaner Mornè van Wyk alias 'The Hammer' den endgültigen Beweis: Im Vorrundenspiel gegen Indien döste er mitten auf dem Spielfeld weg und verblüffte Mitspieler, Zuschauer und Kommentatoren gleichermaßen mit einer katastrophalen Leistung. In gänzlich ungewohnter Manier ließ The Hammer zwei bereits gefangene Bälle wieder fallen und konnte auch als Batsman lediglich fünf lächerliche Runs erzielen bevor ihn das Aus ereilte. Wie sich später herausstellte, hatte van Wyk nicht etwa mit den Folgen einer durchzechten Nacht zu kämpfen, sondern sich vor dem Spiel wohl in seiner Reiseapotheke vergriffen: Statt der üblichen Vitaminpille erwischte er eine Schlaftablette, mit deren Wirkung er die folgenden sechs Stunden zu kämpfen hatte. Südafrika schaffte es auf wundersame Weise sich trotz dieser Slapstickeinlage als Gruppensieger für das Viertelfinale zu qualifizieren, nur um dort an Neuseeland zu scheitern - sogar mit einem ausgeschlafenen Mornè van Wyk.
Die indische Nationalmannschaft bowlte unterdessen nach standesgemäßem Überstehen der Gruppenphase zunächst den schwächelnden Serienweltmeister Australien recht souverän aus dem Turnier. Somit sollte es im Halbfinale tatsächlich zum Showdown mit den verhassten Nachbarn aus Pakistan kommen. Dieses Prestigeduell ist für beide Länder auch aufgrund der heiklen politischen Situation schon immer eine Angelegenheit von höchster Bedeutung. Es wird nicht überraschen, dass Indien trotz der ersten politischen Annäherung beider Parteien seit den Anschlägen in Mumbai 2008 nur wenige Tage zuvor, einem Pulverfass glich: Die Stimmung kochte vor dem heimlichen Höhepunkt dieser Weltmeisterschaft und mehrere hundert Millionen fieberten ungeduldig dem Anpfiff entgegen. In der Schule drängte man sich beim Public Viewing vor unserem 20 Zoll großen Fernseher, die Stimmung war sagenhaft. Spätestens jetzt befanden uns auch wir als ausgewiesene Cricketmuffel bekannte Freiwillige im Bann des roten Balls und fieberten, angesteckt von der unglaublichen Euphorie, Stunde um Stunde vor dem Bildschirm mit.
Die beiden Mannschaften lieferten sich einen Krimi, der die Erwartungen noch um ein Vielfaches übertraf und an Spannung und Dramatik kaum zu überbieten war. Am Ende eines hart umkämpften Matches durften die mit 260:231 überlegenen Gastgeber ausgelassen den Finaleinzug feiern, während unglückliche Pakistanis ihre Titelträume begraben mussten und in ein Tal der Tränen stürzten.
Im Finale wartete der kleine Bruder aus Sri Lanka. Auf dem Papier noch ausgeglichen, zeigte sich im Laufe des Finales, dass die aufopferungsvoll kämpfende Mannschaft Sri Lankas einem - nach dem Sieg gegen den Erzrivalen - entfesselt aufspielenden Indien an diesem Tag nicht das Wasser würde reichen können. Als dem Team der Titel rechnerisch nicht mehr zu entreißen war, brachen alle Dämme. Ganz Indien versank in einem Meer aus Glückseligkeit und ließ seine Helden unter frenetischem Jubel hochleben. "Eine Milliarde träume werden wahr" titelte die 'Hindustani Times'.
Während der Gewinn des WM-Titels im eigenen Land den wohl größten sportlichen Erfolg in der indischen Geschichte bedeutet und die Jubelarien noch lange Zeit nachklingen werden, hat sich mein Interesse für Cricket nach dem weltmeisterlichen Ausnahmezustand rasch wieder gelegt und wieder dem eines gewöhnlichen Europäers angepasst. Denn, Hand aufs Herz liebe Inder, wirklich mitreißend ist auf Dauer eben doch etwas anderes.
Für alle Kritiker, die schon immer gepredigt haben Cricket befinde sich auf der Spannungsskala in Schlagdistanz zu Marathonlauf und Schach, lieferte der Südafrikaner Mornè van Wyk alias 'The Hammer' den endgültigen Beweis: Im Vorrundenspiel gegen Indien döste er mitten auf dem Spielfeld weg und verblüffte Mitspieler, Zuschauer und Kommentatoren gleichermaßen mit einer katastrophalen Leistung. In gänzlich ungewohnter Manier ließ The Hammer zwei bereits gefangene Bälle wieder fallen und konnte auch als Batsman lediglich fünf lächerliche Runs erzielen bevor ihn das Aus ereilte. Wie sich später herausstellte, hatte van Wyk nicht etwa mit den Folgen einer durchzechten Nacht zu kämpfen, sondern sich vor dem Spiel wohl in seiner Reiseapotheke vergriffen: Statt der üblichen Vitaminpille erwischte er eine Schlaftablette, mit deren Wirkung er die folgenden sechs Stunden zu kämpfen hatte. Südafrika schaffte es auf wundersame Weise sich trotz dieser Slapstickeinlage als Gruppensieger für das Viertelfinale zu qualifizieren, nur um dort an Neuseeland zu scheitern - sogar mit einem ausgeschlafenen Mornè van Wyk.
Die indische Nationalmannschaft bowlte unterdessen nach standesgemäßem Überstehen der Gruppenphase zunächst den schwächelnden Serienweltmeister Australien recht souverän aus dem Turnier. Somit sollte es im Halbfinale tatsächlich zum Showdown mit den verhassten Nachbarn aus Pakistan kommen. Dieses Prestigeduell ist für beide Länder auch aufgrund der heiklen politischen Situation schon immer eine Angelegenheit von höchster Bedeutung. Es wird nicht überraschen, dass Indien trotz der ersten politischen Annäherung beider Parteien seit den Anschlägen in Mumbai 2008 nur wenige Tage zuvor, einem Pulverfass glich: Die Stimmung kochte vor dem heimlichen Höhepunkt dieser Weltmeisterschaft und mehrere hundert Millionen fieberten ungeduldig dem Anpfiff entgegen. In der Schule drängte man sich beim Public Viewing vor unserem 20 Zoll großen Fernseher, die Stimmung war sagenhaft. Spätestens jetzt befanden uns auch wir als ausgewiesene Cricketmuffel bekannte Freiwillige im Bann des roten Balls und fieberten, angesteckt von der unglaublichen Euphorie, Stunde um Stunde vor dem Bildschirm mit.
Die beiden Mannschaften lieferten sich einen Krimi, der die Erwartungen noch um ein Vielfaches übertraf und an Spannung und Dramatik kaum zu überbieten war. Am Ende eines hart umkämpften Matches durften die mit 260:231 überlegenen Gastgeber ausgelassen den Finaleinzug feiern, während unglückliche Pakistanis ihre Titelträume begraben mussten und in ein Tal der Tränen stürzten.
Im Finale wartete der kleine Bruder aus Sri Lanka. Auf dem Papier noch ausgeglichen, zeigte sich im Laufe des Finales, dass die aufopferungsvoll kämpfende Mannschaft Sri Lankas einem - nach dem Sieg gegen den Erzrivalen - entfesselt aufspielenden Indien an diesem Tag nicht das Wasser würde reichen können. Als dem Team der Titel rechnerisch nicht mehr zu entreißen war, brachen alle Dämme. Ganz Indien versank in einem Meer aus Glückseligkeit und ließ seine Helden unter frenetischem Jubel hochleben. "Eine Milliarde träume werden wahr" titelte die 'Hindustani Times'.
Während der Gewinn des WM-Titels im eigenen Land den wohl größten sportlichen Erfolg in der indischen Geschichte bedeutet und die Jubelarien noch lange Zeit nachklingen werden, hat sich mein Interesse für Cricket nach dem weltmeisterlichen Ausnahmezustand rasch wieder gelegt und wieder dem eines gewöhnlichen Europäers angepasst. Denn, Hand aufs Herz liebe Inder, wirklich mitreißend ist auf Dauer eben doch etwas anderes.
| Rahul mit bat auf unserem Playground |

Freut mich dass du sichtlich den Kontakt zu unserer Muttersprache noch nicht ganz verloren hast und es weiterhin beherrschst in ihr zu parlieren wie ein junger Stürmer und Dränger.
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