Sonntag, 12. Juni 2011

Reise, Reise - Part I

Gokarna - Goa - Mumbai

Nach drei Monaten in Kalkeri und Umgebung spürte ich das Bedürfnis, endlich weitere Facetten dieses Landes kennenlernen zu dürfen, immer dringender werden. Ich gierte geradezu nach der Befriedigung dieses Dranges. Dementsprechend groß war die Vorfreude auf den unmittelbar bevorstehenden „Jahresurlaub“. Die ersten beiden Wochen der „großen Ferien“ hatten wir bereits in einer nahezu leergefegten Schule verbracht und bei deutlich reduziertem Arbeitspensum schon mal die Vorbereitungsphase eingeleitet: den sogenannten Entspannungsmodus.
Gesattelt und geschnürt begaben Fabian und ich uns am 15. April auf die Reise. Der etwas holprige Start (wir verpassten den Dorfbus in Kalkeri – zum ersten Mal überhaupt übrigens) sollte uns nicht aus der Bahn werfen: Ohne zu zögern, stürzten wir uns vor die nächste Motorhaube und siehe da, so legten wir das erste Teilstück, bis nach Dharwad, per Anhalter zurück.
Um unsere Tour entspannt angehen zu lassen, war die Wahl für die erste Station einstimmig auf Gokarna gefallen, eine Oase für zur Versackung neigende Touristen. Das Goa Karnatakas, nur ohne dessen berühmtberüchtigte Trancepartys.
Die von Palmen und Bambushütten gesäumten drei Strände Om, Half-Moon und Paradise Beach vermitteln das Gefühl, sich auf den Spuren Robinson Crusoes zu befinden und die mittelmäßigen Küchen der mittelmäßigen Gasthäuser versorgen die vornehmlich westlichen Touristen zuverlässig mit typischem Tourifastfood wie Pfannkuchen, Burgern, Pommes, Milkshakes und ähnlichem, mittelmäßig zubereitet versteht sich. Der Hit der Saison 2011 war aber mit Sicherheit das Banana-Nutella Parrota, irgendwas zwischen Pfannkuchen und einer Art süßer Calzone. Komplettiert wird das Wohlfühlpaket Gokarna von Bier, Rum und natürlich Charras, erhältlich beim Kellner deines Vertrauens oder - für Exzentriker - beim sagenumwobenen „Ganjamann“, der in den Wäldern zwischen den Stränden haust.
Ein gokarnischer Tag beginnt zwischen 10 und 12 Uhr. Mühsam und mit noch halb geschlossenen Augen (ob der grellen Mittagssonne) schaffe ich es, mich aus unserem Verschlag zu schälen und in Richtung Restauranterrasse zu bewegen. Ein ordentliches Frühstück aus wahlweise Omelette, Müsli, Porridge, Obstsalat, Sandwich oder allem zusammen gibt erst einmal Kraft. Aber dann werde ich schon wieder müde…zu voll ist der Magen. Man widmet sich den nächsten zwei Seiten seines Buchs oder döst vor sich hin. Nur nichts überstürzen. Wenn die Verdauung stattgefunden hat ist es Zeit fürs Meer. Von der schattigen Terrasse aus werden mit professionellem Blick die Wellen gemustert. Es muss sich schließlich lohnen aufzustehen. Nach dem erfrischenden Bad bin ich auf dem Höhepunkt meiner Tagesform angelangt. Auf geht’s ins nächste Restaurant, ein kühles Bier naschen. Im Zweifelsfall trifft man dort Gleichgesinnte und versackt bei konstantem Bestellen von Speis und Trank bis der Abend hereinbricht. Je nach Stimmung und Gusto kann man noch einmal das Restaurant wechseln, seiner salzverkrusteten Haut eine Dusche gönnen oder es bleiben lassen und einfach sitzen bleiben. Gegen Mitternacht lösen sich auch die internationalen Gesprächsrunden meist auf und es kehrt die nächtliche Stille ein an den Stränden von Gokarna.
Dieses Prozedere wiederholt sich in Anlehnung an Und täglich grüßt das Murmeltier mit maximal minimalen Abweichungen bis zum Tag der Abreise.
Ich bin der festen Überzeugung, dass all die Menschen, die dort seit mehreren Wochen oder Monaten mehr oder weniger vor sich hin vegetieren, bereits zu entspannt sind, um sich noch fortbewegen zu können.

Auf dem Weg nach Mumbai machten wir einen Boxenstopp in Panjim, der Hauptstad Goas. Dank Fabians weitreichenden Beziehungen verbrachten wir die Nacht in einem Luxusapartment auf dem sogenannten „Millionaires Hill“, einen Katzensprung von den Anwesen der Herren Kingfisher und Holiday Inn entfernt. Nach drei Monaten Basic Living genossen wir den dargebotenen Komfort in vollen Zügen und ließen es uns beim Schlemmen auf der Dachterrasse und Planschen im Pool gut gehen. Es wird wohl jeder verstehen, dass uns der Abschied am nächsten Abend nicht ganz leicht fiel. Aaaber, unsere kostbare Zeit in Mumbai war ohnehin durch die gebuchten Flüge nach Kalkutta bereits reichlich limitiert. Wir sollten den Aufbruch nicht bereuen.

Unverhofft kommt ja bekanntermaßen öfter als man denkt. Und so ergab es sich, dass ein verzweifelter Last-Minute Request bei Couchsurfing tatsächlich Früchte trug und uns zu einem gewissen Kunal Mithril führte - meinem ersten Gastgeber überhaupt und dem wahrscheinlich modernsten Inder, mit dem ich bis dahin zu tun hatte (philosophisch angehaucht, haufenweise Bücher in seiner Wohnung und dazu noch eine deutsche Freundin in Berlin). Kunal hat sich sensationell um uns gekümmert, ohne dabei in irgendeiner Art und Weise aufdringlich zu sein oder uns das Gefühl zu geben, zwanghaft etwas mit ihm unternehmen zu müssen.
Eine sagenhafte Erfindung dieses Netztwerk, ich bin vollends begeistert!
Ich habe eigentlich nur die Stadtteile Colaba und Churchgate gesehen. Ein bisschen Gateway of India, ein bisschen Taj Mahal und Leopold’s. Umherschlendern, das Treiben und die bunte Vielfalt genießen und tun,wonach einem in diesem Moment der Sinn steht.
Um sich kein verzerrtes Urteil über Mumbai zu bilden, muss man länger als einige Tage dort gewesen sein. Dieser pulsierende Melting Pot ist kulturell und religiös zu vielschichtig und viel zu gigantisch, als dass der gemeine Tourist mehr als nur an der Oberfläche kratzen könnte.
Der wahre interkulturelle Austausch dieser drei Tage in Mumbai hat in Kunals Apartment stattgefunden. Zwischen Menschen, die für kurze Zeit ihr Leben miteinander geteilt haben.

1 Kommentar:

  1. Klingt herrlich!! Die Beschreibung deines Urlaubs hat des öffteren ein tiefes Schmunzeln in meinem Gesicht angeregt :-D

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